Quo Vadis: Chancen von mPayment – Das ultimative mPayment

Von Julia Fuhrmann

Seit nun knapp 4 Jahren gibt es in Deutschland mehr Mobiltelefone als  Einwohner. Die jährlich rund 30 Mio. neu verkauften Handys treiben nicht nur das Zusammenwachsen von Sprach- und Datenwelt, sondern vor allem die Ausbreitung mobiler Geschäftsmodelle voran. Auf jeden der rund 82 Mio. Bundesbürger strömen also, je nach Handybesitz einerseits, nach der Statistik andererseits, mindestens doppelt mCommercial oder M2M-Angebote ein. Daneben entwickelt sich auch das mPayment  (Bezahlungssysteme über das  Handy) weiter und hat zusätzliche wirtschaftliche Reize.

Vor allem aber hat es eine höchst gewinnbringende Wirkung für den Nutzer. Mobile Bezahlung von Dienstleistungen und Konsumgütern ist beliebt und bequem – gleichwohl ob Musik-Downloads, Dokumente aus dem Internet oder Abos, die Einsatzmöglichkeiten, und somit der Mehrwert für den Endnutzer, steigen täglich. Das Handy ist zum (über-)lebenswichtigen Begleiter des Menschen geworden – und ermöglicht in der Zukunft universelle mobile Geschäftsmodelle für Unternehmen. Neben der gewünschten Wirtschaftlichkeit für den Anbieter ist vor allem in Zeiten finanzieller Unsicherheiten die Kostenkontrolle und Transparenz mobiler Anwendungen und Services wie im Beispiel mPayment für den User Voraussetzung für den Erfolg. Die aktuellen mPayment-Lösungen erlauben den Anwendern eine sichere Abrechnung ihrer Käufe und einen transparenten Zugang zu den bezahlten Contentbereichen. Die Abrechnungen erfolgen dann per Mobilfunkrechnung oder durch die klassischen Online-Zahlungswege, und das unabhängig von dem jeweiligen Netzbetreiber, wie z. B. T-Mobile, E-Plus oder Vodafone. Die für den Anbieter technisch vergleichsweise einfache Umsetzung ist für den Anwender äußerst sicher; besonders bedingt durch die gegebene Verschlüsselung im Mobilfunknetz und die direkte Zuordnung der Mobilfunknummer zum Nutzer.

Das technische mPayment

Am Beispiel der mPayment-Möglichkeiten wird deutlich, wie multidimensional und  vielschichtig kombinierbar die technischen Möglichkeiten sind. Derzeit dominiert in Deutschland der frei tarifierbare Kurzwahldienst per SMS oder alternativ per MMS, dieser ermöglicht die Bestellung von  telekommunikationsnahen, nicht-physischen Dienstleistungen oder Gütern. Der Anbieter ist hier flexibel in der Preisgestaltung und der  Anwender flexibel in der Nutzung, denn eine  Registrierung für die Inanspruchnahme des Dienstes ist nicht notwendig. Erst nach der Beantwortung einer kostenfreien SMS inkl. Bestätigungskennwort kommt die  Willenserklärung des Endnutzers zustande. Mit dieser „Handshake“ Regelung ab einem  Kaufpreis von zwei Euro schützt der Gesetzgeber zusätzlich vor Missbrauch. Ausgenommen von dieser Regelung sind  Güter öffentlichen Interesses. Bei registrierungspflichtigem mPayment ist dieser Zwischenschritt nicht mehr nötig, da der User vorher einen Zahlungsweg auswählen  und den AGB zustimmen muss. Die  Anwendbarkeit auf physische Güter, außerhalb der digitalen Welt, ermöglicht auch den Handel für Güter über das Mikro-Payment hinaus.

Telefonieaffinen Nutzern stehen die Voice-Anwendungen als Alternative zur  Verfügung, die im Wesentlichen den SMS-Anwendungen gleichen. Spannender sind die neuesten Hardware-basierten Technologien, die jedoch teilweise auf dem deutschen Mobilfunkgerätemarkt noch nicht eingeführt wurden oder bei denen die unterstützenden Gegenstellen nicht sehr verbreitet sind. Diese Verfahren, wie beispielsweise die Kontaktloskarten, basierend auf der NFC-Technologie, überwiegend unter Integration eines RFID-Chips (Radio Frequency Identification Chips), bieten wahrscheinlich den größten Vorteil – in der drahtlosen Kommunikation als auch in der Adaption der  Kartenzahlung. Ebenso könnten die  Guthabenverwaltung auf dem Gerät sowie die Peer-to-Peer-Zahlungen (P2P) Anreize zur  Nutzung darstellen. Ein hervorragendes Beispiel für die mögliche Verschmelzung verschiedener Technologien im mPayment ist die leistungsbezogene Abrechnung über Hardware-Systeme, zum Beispiel bekannt aus dem Pilotprojekt „Touch&Travel“. Der rasante Aufstieg des mobile Web-Trends  fordert natürlich auch dort nach adäquaten Lösungen. Neben der derzeit wohl elegantesten Lösung, dem WAP-Billing (mittels Browser oder Applikation), bieten sich dem Nutzer ebenfalls Adaptionen aus dem Web. Mit der zunehmenden Verschmelzung von Internet und mobile Web werden die im Web etablierten Payment-Arten und -Anbieter auch auf den mobilen Endgeräten zu finden sein. Dabei sollten sich mit neuen Marktteilnehmern stärker auf das mobile Endgerät zugeschnittene Variationen der bisherigen Prozesse entwickeln.

Das zeitgeistige mPayment

Die vollkommen auf den Nutzer und das Einsatzgebiet abgestimmte, in dieser Form einzigartige und zukunftsträchtige Lösung hat aktuell die Firma the agent factory GmbH mit  einem großen deutschen Verkehrsunternehmen und dem bekannten Premium-Mobile-Anbieter DIMOCO entwickelt. Im Mai starten sie das mTicket-Pilotprojekt, worüber der Nutzer simpel, schnell und vor allem ohne Registrierung an sein mTicket für den ÖPNV gelangt. Der erste Weg via Voicemail ist vergleichbar mit dem Gesprächsserver des klassischen Mailboxsystems. Der Kunde wird über die zwei Entscheidungsschritte, Einzel- oder Tages- sowie Erwachsenen- oder Kinderticket, von einer freundlichen Damenstimme zum Ticket begleitet. Dieses bekommt er dann final per SMS auf das Handy gesendet. Die Alternative heißt SMS – damit sendet der Kunde, zu den gängigen Tarifen, die Art des Fahrscheins an die Betreiberkurzwahl und bekommt ebenfalls sekundenschnell sein mTicket per SMS. Der Vorteil des simplen Handlings kann sich jedoch schnell in den Nachteil des geringen Komplexitätspotentials verwandeln. Das angebundene SMS-Gate ignoriert eventuell falsche Schreibweisen, was bei einem Versehen das vergebliche Warten auf das Ticket zur Folge hat. Problematisch könnte der leichte Transfer der SMS-Tickets zu anderen Handys sein – im Kampf gegen diese kriminellen Energien werden Verschlüsselungen eingearbeitet, die nur den Kontrolleuren ersichtlich sind und die simple Weiterleitung der mTickets per SMS erschweren. Komplexer, dafür aber mit höherem Implementierungsaufwand verbunden, ermöglicht die durch den Nutzer installierbare J2ME-Applikation mit QR-Codes den Ticketkauf. Sie bietet unter anderem zusätzlich zum Ticket neben Hilfestellungen durch ein integriertes ÖPNV-Adressrouting auch Störungsmeldungen, Serviceinformationen und eine persönliche Favoritenfunktion. Generell sind alle drei Bestellwege nicht nur sehr benutzerfreundlich, sondern gleichermaßen auch benutzerspezifisch. Das Payment erfolgt sofort und mobil; dabei ist neben der vollen Kontrolle ebenso die Transparenz über die  Abrechnung in der Mobilfunkrechnung gegeben.

Das trendige mPayment

Die technischen Trends und der Zusatznutzen für den User gehen Hand in Hand: Anbieter werben mit Individualität und Informationsfreiheit – User werden immer mobiler, spontaner und flexibler. Dazu zählt zum Beispiel der unaufhörliche Trend der Vereinfachung: das bargeldlose Bezahlen. Nachdem sich die Geldkarte nicht durchsetzen konnte, vermutlich durch den Zusatzaufwand des Aufladens, sind rund ein Drittel der unter 40-jährigen dem mPayment im Micropayment-Bereich zugetan und sogar 76% der Gesamtbevölkerung können sich vorstellen, mobil Tickets zu kaufen. Hier spiegelt sich deutlich die Tendenz zum bargeldlosen, spontanen, zeit- und ortsunabhängigen Kaufverhalten der Deutschen wieder. Die wirtschaftliche Erklärung des mPayment-Trends zielt auf die betriebsökonomischen Vorteile von Unternehmen. Die Einführung von Zusatzleistungen, wie das beschriebene mTicketing in dem ÖPNV-Unternehmen, könnte entgegen den abnehmenden Kundenzahlen, häufigen Automatendefekten und dem generellen Münzgeldproblem der Nutzer den ÖPNV wieder attraktiver gestalten. Die Applikationen sind  zum einen funktional für tägliche ÖPNV-Kunden und  Pendler, daneben entsteht ein spürbar hoher  Mehrwert ebenso für Touristen oder Manager durch den Orientierungsbonus. So kann in der Applikation Start- und Zielhalt angegeben werden und der passende Fahrschein und Tarif wird automatisch gewählt. Die Verschmelzung neuer Technologien mit  individuellen Kundenbedürfnissen führt hier sichtbar zu höchstem Mehrwert für den Endnutzer.

Das erfolgreiche mPayment

Der Erfolg des mPayment-Piloten von the agent factory für den PNV ist von bestimmten fixen und variablen Erfolgskriterien abhängig. Die bereits genannte Wirtschaftlichkeit und Sicherheit vor Missbrauch für den Nutzer stehen dabei an erster Stelle. Diese Bedingungen muss  das Bezahlsystem erfüllen, wenn es am Markt bestehen will.  Bevor die weitere  Gestaltung der Bezahlsysteme erfolgt, müssen ebenfalls Mehrwert und Usability garantiert werden. Diese als fixe Anforderungen erfassten Kriterien richten sich an die Bezahlsysteme und die mobilen Endgeräte gleichermaßen. Darüber hinaus finden die variablen Kriterien einsatzbezogen und multipel verknüpft unterschiedlich starke Berücksichtigung. Zu den entscheidenden flexiblen Anforderungen, bei denen folglich die Kompromissfähigkeit der betroffenen Akteure stärker ausgeprägt ist, gehören zudem Interoperabilität, Reichweite und Flexibilität. Im Vergleich zu den fixen Erfolgskriterien ist hier ein größerer Spielraum bezüglich der konkreten Ausprägung möglich; die Intensität variiert entsprechend des Einsatzzwecks. Das gilt auch für die Vermeidung von Medienbrüchen und die Aufrechterhaltung der Performance; diese ist derzeit für den Zahlungsvorgang des unkomplizierten Ticketkaufs für den ÖPNV relevanter einzuschätzen – im Vergleich zum Bestellen von Klingeltönen.

Das futuristische mPayment

Die multidimensionalen und differenzierten Einsatzmöglichkeiten der genannten technischen mPayment-Systeme eröffnen zahlreiche neue Perspektiven. Beispielsweise sind im Bereich des mobilen Ticketing Just-in-time-Lösungen für den ÖPNV vorstellbar. So könnten Busfahrten in ländlichen Regionen nur nach Bedarf, etwa über mobiles Messaging, stattfinden. In direkter Verbindung mit dem mobilen Ticketing sind auch Hilfestellungen für Touristen zur Orientierung denkbar. Diesen könnte in einer erweiterten Navigationsstruktur, neben dem passenden Ticket, auch Haltestellen etwaiger Sehenswürdigkeiten in der Umgebung angeboten werden – wodurch die Zielerreichung erheblich vereinfacht und beschleunigt würde. Passend dazu wäre auch die  Fußgängernavigation ausbaufähig – so könnten Passanten nach der Ankunft an der Zielhaltestelle über Geokoordinaten zum Zielpunkt geführt werden.  Weiterhin könnte auch die Verbindung zwischen Parkplatztickets, ÖPNV und Park&Ride Specials angedacht werden, um Großstadtabenteuer in Zukunft stressfreier zu gestalten. Stressfrei via Handy morgens aus dem Bett heraus frische Croissants zu bestellen klänge ebenso verlockend wie das Buchen einer kühlen Dusche bei einem heißen Sommerfestival.  So vielseitig diese Perspektiven auch sein mögen, so ist doch das oft unterschätzte oder verdrängte Kriterium der Usability entscheidend. Für mPayment-Systeme gibt es letztendlich keine universelle und perfekte Lösung, entscheidender ist die Anpassung der Systeme an ihre Nutzer – eine differenzierte und prestigeträchtige Technik wird sich nur durchsetzen können, wenn sie für den User praktisch handlebar ist und einen erkennbaren Mehrwert schafft.

Dieser Artikel wurde bereits in Mobile Zeitgeist, Special  (mCommerce), Ausgabe 2, 2009, veröffentlicht.

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